SERIE Von Vertrauen und Wundern in meinem Leben Nr. 1 "VW im Spielzeugladen"

Für diese Geschichte muss ich mich weit zurück in die Vergangenheit manövrieren, denn sie verdient wahrlich hier einen Platz, da es ja um Wunder und Vertrauen geht. Ich war Anfang Zwanzig und frisch gebackene Führerscheinbesitzerin. Selbstverständlich noch ohne eigenes Fahrzeug, so wie mein Vater auch. So saßen wir – Mutter, Vater und ich – jede Woche zwei, drei Stunden in der Wiener Hauptallee, um die vorbei fahrenden Autos zu bestaunen. Damals war das grüne Kleinod der Wiener noch für den Straßenverkehr zugelassen und wir drei erfreuten uns am Spiel mit Farben und Zahlen: „Das achte Auto, das jetzt kommt, wird einmal unseres sein!“ Oder wir schlossen die Augen um sie dann auf eins-zwei-drei zu öffnen: „Jö! Ein grüner Fiat! Also den würden wir auch gerne nehmen ..." So ähnlich lief unser Zeitvertreib ab, im vollen Vertrauen, irgendwann einmal selbst Autobesitzer sein zu dürfen. Wie aus meiner Biografie bekannt, wuchs ich in sehr bescheidenen, fast ärmlichen Verhältnissen auf. Und genau deswegen war ein eigenes Auto für meinen Vater so etwas Ähnliches wie eine eigene Insel im Pazifik für jemanden, der schon alles besitzt.

 

Vielleicht wegen unserer großen Sehnsucht nach eigenen 4 Rädern kam es so, dass ein Kollege meines Vaters, er hieß Alfred Rupp glaube ich, seinen alten, hellblauen „Käfer“ zu einem sehr günstigen Preis anbot. Alles Bare wurde flugs in unserem Haushalt zusammen gekratzt! Mutter machte mit Heimarbeit Überstunden! Sie nähte damals Lederkappen und –handschuhe für Motorradfahrer bis spät in die Nacht hinein. Auch ich verzichtete auf mein knappes Taschengeld, damit Vater stolzer Besitzer eines eigenen Autos sein konnte – und der hellblaue VW wurde tatsächlich seiner ... unserer! Natürlich hoffte ich im Stillen, dass auch ich mit Otto – so tauften wir unseren Familienzuwachs – irgendwann einmal fahren durfte. Fragen traute ich mich nicht als wohlerzogene Tochter. Trotzdem geschah das Wunder eines Tages aus dem Mund meines Vaters: „So lange ich im Spital bin, kannst du den Otto haben. Hast ja eh immer was vor, gelt?“ Noch heute kann ich einen Hauch dessen nachempfinden, was mich in diesem Moment durchströmte. Freude, Dankbarkeit, Glückseligkeit! Mein sonst so strenger Vater vertraute mir seinen Schatz an! Er legte damit seinen ganzen männlichen Stolz vertrauensvoll in meine Hände.

 

Stolz war auch ich. Und wie! Meine Freundinnen bestaunten den Otto von allen Seiten und warfen sich vor mir förmlich auf den Bauch vor lauter Glück, weil ich eine nach der anderen nach unseren Mädelstreffen nach Hause kutschierte. An einem Donnerstag kurz vor Mitternacht auf der Aspernbrückenstraße passierte dann folgendes: Ein mir entgegen kommender Linksabbieger hatte offenbar vergessen, wer hier Vorrang hat. Ohne auf meine Blinkzeichen zu achten, bog er äußerst knapp vor mir und mit quietschenden Reifen in die nächste Seitenstraße ab – und mir blieb vor Schreck nichts anderes übrig, als Otto`s Lenkrad zu verreißen. Das wiederum schleuderte Otto und mich auf den gegenüber liegenden Gehsteig … und durch eine Auslagenscheibe hindurch mitten hinein in ein Spielzeuggeschäft. Mir war nichts passiert, außer schlotternden Knien und zitternden Händen, das nennt man Schock. Die Polizei nahm später alles auf. Es handelte sich um einen größeren Sachschaden im Spielzeugladen … aber was Otto betraf ... Die Beurteilung des Sachverständigen hörte sich für mich wie ein Todesurteil an: Totalschaden! Der so lange herbei gesehnte und so mühsam erworbene Familienstolz war zu Grabe getragen worden. „Wie – um Himmels Willen – bringe ich das bloß meinem Vater bei??“, der nach einer Magen-OP noch immer im Krankenhaus lag.

Es sei erwähnt, dass mein Vater zu Jähzorn neigte. Seine Ausbrüche fürchtete ich, obwohl das ganze Gebrüll nie länger als ein, zwei Minuten dauerte. Für ihn war die Sache dann erledigt und vergessen, für mich blieb jedoch immer ein Rest von Ängstlichkeit zurück. Und jetzt der Totalschaden!

 

Ich erzähle hier nicht nur von Vertrauensbeweisen, sondern auch von Wundern. Was sich am zweiten Tag nach dem Unfall bei meinem Besuch im Krankenhaus abspielte, grenzte für mich wirklich an ein Wunder! „Papa, ich hatte vorgestern einen Unfall. Mir ist nichts geschehen, und die Versicherung deckt auch den Schaden ab, weil ich ja Vorrang hatte … aber der Otto … mit dem ist nichts mehr zu machen …“ „Totalschaden wahrscheinlich. Er hatte ja schon einige Jährchen auf dem Buckel.“ „Ja, es ist ein Totalschaden“, flüsterte ich nickend in Vorbereitung auf einen Jährzornesausbruch. Doch der blieb dieses Mal aus. Mein Vater richtete sich im Bett auf, beugte sich zu mir herüber und streckte seine Hände aus, um mich zu umarmen: „Das ist doch nur Blech. Hauptsache ist, dass dir nichts passiert ist, Christi!“

 

In all den Jahren ab meiner Kindheit hatte mich mein Vater vielleicht dreimal umarmt. Er konnte einfach keine Gefühle zulassen, geschweige denn Gefühle zeigen – außer Zorn. Seine Umarmung damals im Spital gehört deshalb auf meine persönliche Wunderliste.

 

Danke Papa.

(verstorben 1989)

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Kommentare: 2
  • #1

    Christa Saitz (Dienstag, 11 August 2015 10:38)

    Liebe Christa! Deine "wunderbare" Geschichte berührt mich sehr. Noch dazu, wo ich ähnliches mit bei meinen Autofahrkünsten erlebt habe. Ich war ja "autofahrerisch" eine Spätberufene. Obwohl ich immer gerne selbst ein Auto durch die Gegend kutschiert hätte, war ich lange zu feig dafür und es ergab sich erst im Jahr 2000, dass ich den Führerschein machte. Mein Vater hatte sich kurz vorher einen roten Ford Fiesta gekauft. Als ich den zum ersten Mal sah, streichelte ich über die Motorhaube und flüsterte dem Auto ins Ohr: "Du bist MEIN lieber Flitzi!" Und wirklich: Als die Augen meines Vaters immer schlechter wurden, riet er mir, den Führerschein zu machen und zahlte mir sogar die Hälfte der Fahrstunden. Stolz war er auf mich, er ich die Fahrprüfung gleich beim ersten Mal bestand. Von diesem Zeitpunkt an, durfte ich mit seinem Auto fahren, wenn ich in Gmünd war. Bei einer Ausfahrt ca. 2 Monate nach meiner Fahrprüfung passierte es! Ich fuhr ziemlich rasant in die Einfahrt unseres Gartens - ich hatte nicht bedacht, dass Flitzi keine Servolenkung hatte wie unser Astra und "Rumps" schon war ich an den Pfosten des Eingangstors angefahren, hatte dabei das Gartentor ausgehängt, ein Vorderreifen hatte einen Riss und der Lack links vorne war beschädigt. Mein erster Gedanke war: "Was wird Papa dazu sagen?" Kurz danach erzählte ich ihm stockend von meinem Missgeschick! Er sah mich an, fragte: "Ist dir etwas passiert? Ist jemand anderer zu Schaden gekommen?" Auf meine Verneinung antwortete er: "Dann ist es nicht weiter schlimm, das kann man leicht reparieren. Hauptsache dir ist nichts passiert!"
    Ich erinnere mich, dass er sogar die Hälfte der Reparatur bezahlte. Nach dem Tod meines Vaters habe ich den roten Flitzi geerbt. Ich achte und ich schätze ihn und denke voller Dankbarkeit an meinen geliebten Vater, wenn ich mit ihm fahre.

  • #2

    einfachChrista (Mittwoch, 12 August 2015 08:21)

    Danke liebe Christa für DEINE "Autogeschichte"! Schöne Ergänzung.